Neue Wege mit dem Wissen der Schamanen

Wozu dienen Mythen? Wolf-Dieter Storl und Paul Devereux sind überzeugt, dass es sich nicht um bloße Geschichten handelt: Sie verweisen auf eine lebendige Wirklichkeit, ein Zwischenreich, das angefüllt ist mit kollektiven Archetypen, Geistwesen und Göttern.

Schamanen vermitteln seit Urzeiten zwischen diesem Reich und den Menschen, deuten Botschaften der Natur, wahren das Gedächtnis an Ahnen, heilen – und verkörpern Urprinzipien.  Zwei lesenswerte Bücher zeigen, wie das Wissen der Schamanen der modernen Zivilisation den Weg weisen kann.

„Wir verlernen derzeit viele Fähigkeiten“, sagt der Anthropologe Wolf-Dieter Storl in dem Interviewband „Schamanentum“. „Die Hellsichtigkeit wird heute psychiatrisch behandelt. Statt Telepathie haben wir Telefon und Handy. Und unsere Orientierung verkümmert, weil wir alle GPS im Auto haben.“ Er erklärt, was einen Schamanen als Meister der Ekstase und Trancezustände auszeichnet, führt die verschiedenen Traditionsstränge – von der tibetischen Volksreligion über das keltische Druidentum bis hin zum germanischen Mythos um Odin – zu einer gemeinsamen Essenz zusammen, beschreibt die schamanische Sicht auf Tiere, Gesundheit, Leben und Tod.

Dabei wird schnell deutlich, weshalb ein schamanischer Ansatz die heutige Gesellschaft bereichern kann. Während Politiker auf Dinge reagieren, die schon festgefügt sind, nehmen Schamanen Dinge auf einer Ebene wahr, in der sie sich noch nicht manifestiert haben und daher leicht zu bewegen sind. Während Ärzte Distanz zu ihren Patienten halten und jedes Symptom mit einem Standardmedikament behandeln, wissen Schamanen: Es gibt weder Standardmenschen noch Standardkrankheiten. Heilen ist eine Kunst.  Das setzt voraus, dass man Energiemuster sieht.

Kraftorte als Manifestationen der Zwischenwelt

Der Archäologe Paul Devereux beschreibt in „Die Landschaft der Schamanen“ Kraftorte als architektonische, mythologisierte Manifestationen dieser Zwischenwelt der Geister. Geschaffen von Naturvölkern, deren Bewusstsein im Vergleich zu unserem heutigen auf andere Weise funktionierte.

Devereux zufolge war die Wahrnehmung losgelöster, verlief der Übergang zwischen Traumwelt und physischer Welt fließend. Bereits C.G. Jung warnte davor, dass die einseitige Betonung des Bewussten in zivilisierten Völkern die mythologischen Wurzeln kappe und Neurosen heraufbeschwöre.

Fundiert nimmt Devereux den Leser mit auf eine Weltreise zu den bedeutendsten Kultstätten, diskutiert die Bedeutung von Landschaftslinien, auf denen später auch viele Kirchen errichtet wurden. Er zeigt: Mythen wie der des Paradieses wirkten sich direkt auf den Glauben unserer Vorfahren aus, auf ihre Weltsicht, ihre Rituale – letztendlich fanden sie auch Eingang in die Topografie, die somit in direkter Weise von der Psyche geprägt ist.

Am Ende kommen beide Autoren zu einem ähnlichen Fazit: „Wenn wir auf unser Erbe vorbereitet sein wollen, müssen wir auf das hören, was uns vergangene Völker der Welt sagen wollen – bevor sie aus unserem Blick verschwinden“, schreibt Devereux. Ihr Wissen um das Verborgene als eine transkulturelle Anleitung, unser Bewusstsein und unseren Planeten zu verstehen.

Wie würden Ingenieure und Architekten Städte planen und bauen, wenn sie auf die präfigurative, archetypische Zwischenwelt zugreifen könnten?

„Wir sind so trainiert worden, dass wir immer mehr und besser denken – aber wir werden getrieben von unseren Gedanken und nehmen außen nichts mehr wahr.

In den Augen der Menschen findet sich kein Leuchten mehr, denn sie sehen keine Götter“, sagt Storl. Naturvölker hingegen seien ganz offen, so dass die Natur anfangen könne, mit ihnen zu reden.

ÜBER DIE AUTOREN

Wolf-Dieter Storl ist Kulturanthropologe und Ethnobotaniker. Er war Dozent an verschiedenen Universitäten in den USA, Österreich, der Schweiz und Indien. Reisen in viele Länder der Erde und Kontakt zu indigenen Völkern sowie zu einheimischen Bauern und Kräuterkundlern prägten sein Weltbild. www.storl.de

Paul Devereux hat stets die Grenzen zwischen etablierter Archäologie und Spiritualität ausgelotet und gilt als einer der profiliertesten Autoren auf dem Gebiet der kognitiven Archäologie und Bewusstseinsforschung. Er ist häufiger Gast auf Konferenzen und Autor in vielen Fachzeitschriften. www.pauldevereux.co.uk

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